Marwan Barghoutis führende Rolle beim Beginn der "Zweiten
Intifada"
Photokopie des Originalartikels
Am 14. April 2000 verhaftete eine Einheit der israelischen Armee
Marwan Barghouti, Kopf des Hohen Rats der Fatah in der Westbank und
Führer ihres militärischen Flügels, der "Al
Aksa-Märtyrerbrigaden". Von September 2000 bis April 2002
führten diese tausende Terroranschläge gegen Israel aus, darunter
Selbstmordattentate. In einem Interview, das er am 29. September
2001 der in London veröffentlichten Zeitung "Al Hayat"
gab, legte Barghouti seine Rolle in der Entfachung der "Al
Aksa-Intifada" dar. Hier Auszüge aus dem Artikel:
"Ich wusste, dass das Ende des Monats September [2000] die
letzte Gelegenheit vor der Explosion sein würde. Scharons Ankunft
bei der Al Aksa-Moschee war der kräftigste und passendste Zeitpunkt
für den Ausbruch der Intifada. Es geht schließlich um Jerusalem
und mehr noch um Al Aksa. Seine Bedeutung: die gesamte Region in
Brand zu setzen, weil die Frage der Al Aksa die Empfindlichkeit der
Massen entflammt und aufheizt...
Am Abend vor Sharons Besuch nahm ich an der Diskussionsrunde eines
örtlichen Fernsehsenders teil. Ich fand, dass dies die richtige
Gelegenheit war, die Öffentlichkeit aufzurufen am nächsten Morgen
zur Al Aksa zu kommen. Es durfte nicht sein, dass Sharon den
Haram-esch-Scharif [Tempelberg] ‚einfach nur so' besucht und
friedlich wieder geht. Ich war entschlossen. Früh am nächsten
Morgen ging ich zur Al Aksa.
Als ich bei der Moschee ankam, war ich ehrlich überrascht über die
Menschen, die gekommen waren. Die Versammlung dort bestand
ausschließich aus Palästinensern von 1948, acht von ihnen
israelisch-arabische Parlaments-Abgeordnete und etwa 60 weitere
bekannte Leute. Ich war unzufrieden mit der geringen Beteiligung.
Als keine Reibereien aufkamen, wurde ich wütend. Erfolglos
versuchten wir Zusammenstöße zu provozieren. Statt dessen gab es
Meinungsverschiedenheiten unter jenen, die sich nahe der Stelle
aufhielten, wo es zu Spannungen gekommen war auf Al Aksa.
Wir brauchten keinen Krieg. Die Frage ist eine vollkommen andere.
Kriege brechen aus, weil die Präsidenten oder Kommandierenden der
Militärs dies beschließen. Die Intifada jedoch wurde nicht durch
eine Person oder eine Gruppe von Menschen entzündet, sondern
entwickelte sich durch tief in den Massen steckenden Gefühlen. Es
gab Gegner des Konflikts. Gleichzeitig sah ich in der Situation eine
historische Chance, den Konflikt zu entfachen. Der heftigste
Konflikt ist der, der von Jerusalem ausgeht, wegen der
Sensibilitäten um die Stadt, ihrer Einzigartigkeit und ihrem
besonderen Platz in den Herzen der Massen. Für Jerusalem sind sie
bereit, sich zu opfern, ohne über den Preis nachzudenken.
Nachdem Sharon gegangen war, blieb ich etwa zwei Stunden mit anderen
bekannten Personen vor Ort. Wir sprachen über die Art der Reaktion
und darüber, wie die Menschen in allen Städten und Dörfern
reagieren sollten, nicht nur in Jerusalem. Wir stellten Kontakt mit
allen Fraktionen her."
Barghouti erzählte weiter, dass er in Jerusalem blieb. Vom
Donnerstagabend bis Freitagmorgen sprach er mit Anhängern der
Jugendorganisation der Fatach-Partei, den Schabiba. Die hatte schon
am Mittwoch, einen Tag vor Sharons Besuch, ein Flugblatt verteilt
und die Menschen aufgefordert, den Besuch Scharons zu missbilligen.
Alle Gespräche drehten sich um die Frage, wie am folgenden Tag,
Freitag, den 29. September 2000, reagiert werden sollte. Es sollte
ein Tag werden, der ewiglich in Erinnerung bleiben sollte,
eingeritzt ins Gedächtnis einer ganzen Generation. Es sollte der
Tag werden, an dem die Intada entzündet wurde, um die
palästinensisch-israelischen Verhandlungen der letzten 10 Jahre auf
den Kopf zu stellen. Der Tag sollte zeigen, dass der zerbrechliche
Friedensprozess lediglich eine große Explosion hervorgebracht habe.
Barghouti kehrte am Freitag Morgen nach Jerusalem zurück, um
Zeuge des Ausbruchs der Intifada zu werden.
"Als ich in der Altstadt ankam, hatte der Konflikt bereits
begonnen. Anfangs konnte niemand hinein oder heraus. Ich ging zur
Saladin-Straße; sie war gesperrt. Dann ging ich in die Gegend von
A-Tur, zum Elmakasad-Krankenhaus, um den Zustand der Verwundeten und
Verletzten zu prüfen. Als wir uns näherten, waren dort die
Auseinandersetzungen ausgebrochen. Rund 3.000 Menschen
verbarrikadierten die Gegend.
Die Lage war Krieg. Per Definition. Mehr als jemals zuvor hatte ich
das Gefühl als Stünde Jerusalem in Flammen. Und ich spürte auch,
dass die Jerusalemer und Palästinenser gut reagierten. Über die
Medien rief ich dazu auf, den nächsten Tag zu einem Tag der
Solidarität mit Jerusalem zu machen."
Am selben Abend fuhr Barghouti in das "Arabische Dreieck"
in Israel. Er sollte an einer Versammlung teilnehmen. Hierzu sagte
er:
"Während wir im Auto auf dem Weg ins Dreieck waren, bereitete
ich in Kooperation mit den Brüdern [vermutlich der Hamas] ein
Flugblatt im Namen des Hohen Rates der Fatah vor, in dem wir zu
einer Reaktion auf die Ereignisse in Jerusalem aufriefen. Als ich
nach Ramallah zurück kam, führte ich die Gespräche über unsere
Aktivitäten und die Fortführung der Reaktion [auf Sharons Besuch]
weiter."
Barghouti machte deutlich, dass zu dem Zeitpunkt noch nicht alles
beschlossen war. Gleichwohl hätten die Ereignisse am letzten
Samstag des September die Richtung vorgegeben. "Niemand konnte
mehr etwas dagegen tun. Es wurde Druck ausgeübt. Niemand konnte
mehr die menschliche Flut in allen eroberten Gebieten
aufzuhalten."
Übersetzung aus dem Englischen: Herbert Eiteneier
[heppye@compuserve.de]
|