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Vom Brot allein Jerusalem - Kreuzung von Symbolen

Varda Polak-Sahm | Fotografien

Text | Ulrich W. Sahm

Rafael Verlag

Einführung

Der Mensch denkt in Symbolen. Bei Ikonen genügt schon die Darstellung einer Handbewegung oder eines Werkzeugs, um den abgebildeten Heiligen, den Ort oder das entsprechende biblische Geschehen zu identifizieren. Unsere Wahrnehmung ist geprägt von Kultur, Erziehung und Symbolen. Unser Denken formulieren wir in Bildern. Ein solches Symbol ist Jerusalem.

Manche denken an das himmlische Jerusalem, andere an Sterben und Auferstehung Christi, wieder andere an den Tempel Salomos oder die Himmelfahrt des Mohammed. Unendlich viele Bedeutungen verbinden sich mit dieser Stadt, ihrer Geschichte und ihrem Namen. Ähnliches gilt für das alltäglichste unserer Nahrungsmittel, das Brot. Es besteht nicht nur aus Mehl, Salz und Wasser. In den monotheistischen Religionen erhielt diese vor 6000 Jahren in Ägypten zufällig erfundene Speise eine überhöhte Bedeutung.

Brot und Jerusalem, so verschieden diese Begriffe sind, gehören zu den Grundvorstellungen ganz verschiedener Kulturen und Religionen. Sie sind auch Eckpfeiler unserer westlichen Kultur.

Die Jerusalemer Fotografin Varda Polak-Sahm ist seit über zehn Jahren von dem Thema „Brot" fasziniert. Immer wieder fand sie zufällig neue Motive und fügte sie in ihre Sammlung ein. So entstand eine Ausstellung mit dem Titel „Vom Brot allein", eine bewusste Umkehrung des Bibelspruches, „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." Die 22 Bilder wurden im Eretz Israel Museum in Tel Aviv gezeigt. Eine Bäckerei an der Grenze zwischen der ersten jüdischen Stadt Tel Aviv und dem biblischen Jaffo, wo arabische und jüdische Bäckerlehrlinge gemeinsam das Brot backen, ermöglichte diese erste Ausstellung. In der Bäckerei entstand das Bild: „Sechs von zwölf Lehrlingen in einer Bäckerei in Jaffo." Die Ausstellung wurde später auch im Brotmuseum von Ulm und im Pädagogisch-Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge Freudental e.V. gezeigt. Im Februar 1998 wurde „Vom Brot allein" die erste Ausstellung eines israelischen Fotografen im Vatikan. Danach wanderten die Bilder durch katholische Universitäten in Italien. In der Türkei wurden sie in Istanbul und Bursa gezeigt.

Varda Polak-Sahm folgte den Spuren ihrer eigenen jüdisch-sephardischen Vorfahren. Mit und neben den christlichen wie muslimischen Nachbarn lebten sie in Frieden. Varda Polak-Sahms Familie ist seit vielen Generationen in Jerusalem verwurzelt. Für sich selbst lässt sie deshalb nicht die hohen Mauern der ethnischen, religiösen und nationalistischen Gettos in der heutigen Heiligen Stadt gelten. Bei den Muslimen fühlt sie sich ebenso heimisch wie bei den uralten christlichen Gemeinden.

Eines Tages bemerkte Varda Polak-Sahm, dass die goldene Kuppel des Felsendoms, das Wahrzeichen Jerusalems, unter einem Gerüst verschwunden war. Jordaniens König Hussein wollte ihr den alten güldenen Glanz zurückgeben. Der König finanzierte das aufwändige Projekt der Vergoldung aus seiner Privatschatulle. Varda Polak-Sahm sah darin ein Vorzeichen für den Frieden. „Ein stolzer Araber überschüttet seine Geliebte mit Gold, um sie zu besitzen", sagte die Fotografin und machte sich daran, König Husseins Friedensschluss mit Israel zu dokumentieren. Mehrere Monate lang kletterte sie regelmäßig auf die Gerüste an der Kuppel aus dem 7. Jahrhundert. „Friedensalbum" wurde das in dunkelbraunes Leder gebundene Fotoalbum mit 24 ausgewählten Aufnahmen dieser Vergoldungsarbeiten genannt. Ministerpräsident Yitzhak Rabin überreichte es König Hussein bei seinem ersten offiziellen Treffen in Washington in den USA am 25. Juli 1994. Symbolisch übergab der israelische Ministerpräsident damit auch die heiligen Stätten des Islam in Jerusalem in die Obhut des haschemitischen Königs.

Der Felsendom ist eines der vollkommensten und vielleicht schönsten Bauwerke auf Erden. Er steht über jenem Ort, den drei Weltreligionen als heiligste aller Stätten betrachten: ein Berührungspunkt zwischen Gott und der Erde. Jedes darauf errichtete Bauwerk ist so in besonderer Weise das Haus Gottes. Laut Bibel erwarb König David eine Tenne auf dem „Berg Moria" in Jerusalem, um dort den Tempel Gottes zu errichten.

Viele biblische Geschichten und Legenden ranken sich um die Stelle. Der Felsen war die Ausgangspforte des Garten Edens, als Adam und Eva vertrieben wurden. Am Ende der Tage wird der Felsen das Eingangstor zum Paradies sein. Gott verwendete den Felsen als „Pfropfen", mit dem er die Sintflut zurückdrängte. Abraham sollte auf dem Felsen seinen Sohn Isaak opfern. Jakob verwendete ihn als Kopfkissen, als er die Himmelsleiter erträumte. Unter König Salomo bestimmte Gott auf dem Moria-Berg seine „Wohnung". Östlich des Tempelberges liegt der Ölberg mit dem 3000 Jahre alten Friedhof. Dessen Gräber inspirierten den Propheten Hesekiel, von der Auferstehung der trocknen Knochen am Ende der Tage zu singen.

Das Wirken Jesu beginnt und endet auf dem heiligen Berg. Dort lehrte er als Zwölfjähriger und dort richteten ihn die Oberpriester, ehe er Pontius Pilatus übergeben wurde. Im Jahre 70 zerstörten die Römer den Tempel. Sie raubten die Bundeslade und die Tempelgeräte. Das Haus Gottes wurde geschleift. Die Zinne an der Südwestecke der Einfriedung des Tempelberges, auf der der Trompeter den Messias verkünden sollte und wo der Teufel Jesus versuchte, wurde von Archäologen auf der am Tempel entlang führenden herodianischen Straße entdeckt. Der Stein trägt die hebräische Inschrift: „Der Ort des Trompeters".

Auf dem von König Herodes erweiterten heiligen Areal stand zuvor der salomonische Tempel. Kalif Abdel Malik ibn Marwan heuerte im Jahre 687 christliche Handwerker an. Nach dem Vorbild der konstantinischen Grabeskirche über Golgatha errichteten sie einen oktogonalen Dom mit einer großen Kuppel über dem heiligen Felsen.

Der Kaiserdom in Aachen ist ebenfalls nach den Plänen der Grabeskirche und des Felsendoms gebaut worden. Ob Frieden auf Erden oder Apokalypse herrschen, das entscheidet sich bis heute auch auf dem Berg des Herrn. Fanatische Juden und Christen drohen mit einer Zerstörung der Moscheen auf dem Tempelplatz. Sie betreiben die Wiedererrichtung des Tempels. So wollen sie die „Erlösung" beschleunigen. Muslime drohen Israel mit einem Heiligen Krieg, falls El Aksa („Das ferne Heiligtum") zu Schaden kommen sollte.

Nur wenige Menschen sind Gott buchstäblich „aufs Dach gestiegen". Mit ihrer Kamera hielt Varda Polak-Sahm von der Kuppel aus die Augen Jerusalems fest, die auf das Wahrzeichen gerichtet sind. Sie beobachtete die Fachleute aus Irland in der Goldfabrik auf dem Tempelberg. Während der Arbeitspausen fotografierte sie fromme Muslime beim Gebet und Schülerinnen beim Koranunterricht. „Ungläubige" dürfen während der Gebetszeiten den Haram esch Scharif („Das edle Heiligtum") nicht betreten. In diesen besinnlichen Stunden, wenn die Muslime unter sich sind, ohne von „Ungläubigen" gestört zu werden, machte Varda Polak-Sahm ihre besten Aufnahmen, obwohl sie eine Frau, eine Jüdin und eine Israeli ist.

Die Christen erhoben die Geburtsbasilika in Bethlehem und die Grabeskirche in Jerusalem zu heiligsten Stätten. Die Grabeskirche, treffender Auferstehungskirche, beherbergt unter und auf ihren Dächern fast die Hälfte der Stationen des Kreuzweges Jesu, der Via Dolorosa. Unter dem bröseligen Felsen, auf dem die Kreuze von Jesus und der beiden mit ihm gekreuzigten Räuber standen, liegt das Grab des Ersten Menschen, des Adam. Beim Felsen auf dem Berg des Herrn wird der Bogen vom Garten Eden bis zum Paradies bei der Auferstehung der Toten geschlagen. Der Kreuzigungsstätte Jesu wird ebenso greifbar und sichtbar wie symbolisch eine weltumspannende Bedeutung beigemessen. Deshalb auch die Steinvase im griechischen Kirchenschiff am „Mittelpunkt der Erde". Die Welt war eine flache Scheibe, Jerusalem ihr Mittelpunkt.

Sechs christliche Konfessionen teilen sich die Grabeskirche. Den Schlüssel zum einzigen Eingangstor hüten zwei muslimische Familien. Niemand darf eigenmächtig eine Öllampe aufhängen oder auch nur einen Nagel in die historischen Gemäuer schlagen. Alles ist durch den Status quo geregelt, dessen Einhaltung der Sultan des Osmanischen Reiches von Istanbul aus den Christen auferlegt hat. Die Prozessionszeiten sind festgelegt. Jede Lampe ist notiert. Alle christlichen Gemeinschaften achten eifersüchtig auf jeden Quadratzentimeter Marmor, den sie als ihr Eigentum betrachten. Notwendige Reparaturen, etwa des morschen Daches der Geburtsbasilika in Bethlehem, scheitern an den Besitzansprüchen der Kirchen. Dreißig Jahre wurde bis zur Renovierung der Kuppel der Grabeskirche verhandelt. Das aus dem vorigen Jahrhundert stammende „Aediculum" über dem Grab Jesu ist so baufällig, dass es auseinander genommen und wieder zusammengesetzt werden müsste. Seit über sechzig Jahren „zieren" plumpe Stahlträger den Kiosk mit dem leeren Grab des Auferstandenen.

Die Fotografin Varda Polak-Sahm spürte den Geheimnissen der heiligen Stätten nach. In der Heiligen Stadt entdeckte sie ein geheimnisvolles Neben- und Miteinander von Tod und Auferstehung, Paradies und Teufelswerk, Ewigkeit und Verfall, Widerstreit und Frieden. Jerusalem bleibt ein widersprüchliches Mysterium. Die Symbolsprache ihrer Bilder vermittelt eine Ahnung vom himmlischen Jerusalem.

Ulrich W. Sahm

 

 

 

 

 

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