Ein
halber Tag
im
Leben eines Kriegsreporters
14:02
Uhr Anruf
meiner Frau aus dem Stadtzentrum. "Bombe. Alle sind aufgeregt. Hat laut geknallt."
Ich rufe n-tv an. Ohne was zu wissen: Terror. Sekunden später heulen die Sirenen
der Polizeiwagen. Sie rasen in Richtung Stadtzentrum. Zigaretten-Einkauf am
Kiosk, um nicht auf dem Trockenen zu sitzen. Wieder Anruf beim CvD (Chef vom
Dienst). Inzwischen berichtet Radio: "sehr viele" Tote, Verletzte. Hab kaum
Infos.
CvD ruft an: "Herr Sahm. Ich stell
sie sofort zur Regie durch." Der Moderator stellt seine erste Frage. Ich steuere
verzweifelt das Auto in Richtung Bushaltestelle. Mache Bericht per Handy,
rede weiter, fahre in Richtung Heim, Bericht dauert an. Parke Auto zuhause,
der Bericht dauert an. Frau kommt aus Stadtmitte. Sie will ihr Überleben schildern.
Ich immer noch am Berichten. Frau öffnet polternd Autotür. Ich fuchtele, Frau
soll Mund halten. Immer noch Bericht. Ich schließe Auto und renne mit Handy-Bericht
ins Haus. Begrüßung der Hunde, zum Glück ohne großes Gebell. Bericht beendet.
Hemd anziehen, ohne Schlips, um ein wenig den "Frontreporter" zu markieren.
ISDN-Anlage aufbauen.
Frau plappert mit Freundin am
Telefon. Neuer Bericht per Bildtelefon. Zwischendurch tanke ich Infos aus
Radio und TV. Blick auf Email. Alles gleichzeitig. Frau hat PC Probleme. Es
interessiert sie nicht, dass ich gerade live auf Sendung bin. Soll Hunde ausführen.
Katze nähert sich gefährlich meinem Schreibtisch mit erhobenem und nervös
zuckendem Schwanz. Mein Handy spielt Wagners Walküre während des Berichts.
Finde Knopf nicht. Wagner piepst weiter. Bericht beendet.
Radiosender ruft aus Berlin an.
Redakteur lacht: er hätte meinen Wagner nicht zum Spielen gebracht. Erinnerung
an Barenboims Konzert und unsere welt-exklusive Filmerei. Dringend Radiobeitrag.
PC stürzt ab. Start. Restart. Vor neuem n-tv Auftritt zu wenig Zeit um Radiobericht
als mp3 - Datei zu schicken. Baue Bildtelefonleitung zu n-tv auf. Gleichzeitig
per Telefon Durchgabe Radiobericht.
Wieder Telefon. Zeitungsredakteur:
"Herr Sahm, schreiben Sie heute ein größeres Feature?" Antwort: "Ja, aber
erst mal n-tv life." "Entschuldigen Sie bitte Herr Sahm, ich wollte ja nicht
stören, habe nur noch eine kleine Frage." Die Zeitungsmenschen haben kein
Verhältnis zur Zeit. Der n-tv Moderator sagt schon "Unseren Nahostkorrespondenten"
an. Ja ja, in 5 Minuten könnten sie mich noch mal anrufen. Zeitungsmensch
beleidigt.
Ich ohne Schlips, weil doch Frontkämpfer,
schwitze im blauen Hemd. Scheinwerfer an trotz 35 Grad Hitze. Puder auf die
Nase. Blöder Witz mit Regie. Die fragen nach meiner Katze, die schon einmal
mit erhobenem nervös zuckendem Schwanz durchs Bild gelaufen ist. Grinsen aufgesetzt.
"Herr Sahm, welche Chancen gibt es für den Frieden" fragt der Moderator. Ich
rede von Toten, Blut und abgerissenen Gliedmaßen. Welche Chance geben Sie
noch dem Friedensprozess? Ich versuche zu erklären, dass hier Krieg herrscht.
Auftritt beendet.
Ein Redakteurin von n-tv ruft
an. "Herr Sahm, wir brauchen dringend eine schöne Reportage zur Stimmung in
Jerusalem." Sie möge die Morgenpost lesen. "Darauf sind wir nicht abonniert".
Anruf von Zeitung. "Herr Sahm wie wär's mit einem schönen Kommentar, nur 100
Zeilen". Selbstverständlich. Später. Suche nach Manuskript von Morgenpost-Artikel.
Geschrieben im Januar, für Morgenpost wieder aufgefrischt. Toller Artikel.
Per Email, Knopfdruck, schon ist der Artikel ist unterwegs.
Andere Zeitung ruft an: "Wir brauchen
dringend ein Feature". "Das schreibe ich gerade." "Mindestens 500 Zeilen."
Kein Problem. Radio ruft an: "Wo bleibt der Nachrichtenbeitrag". Greife willkürlich
ein paar Zeilen aus dem Feature. Lese es durchs Telefon. Radio zufrieden.
N-tv CvD: "Wir wollen jetzt auch
um halb schalten." Scheiße. Habe blaues Hemd gerade ausgezogen und Ventilator
eingeschaltet. Also wieder Scheinwerfer an. Temperatur steigt auf 40 Grad.
Tochter will Taschengeld. Hunde jaulen. Wollen pinkeln. Frau verabschiedet
sich in Richtung Schwimmbad. Sie habe keine Zeit für Pinkeln der Hunde. Ich
zieh wieder das blaue Hemd an. Lasse untere Knöpfe wegen Lüftung offen. Ärmel
hochgekrempelt. Sieht man nicht in Berlin. Kulisse steht noch. Radio meldet
Neues. Chaos bei Totenzahlen.
Der Moderator bring alles durcheinander.
Ich korrigiere alle Zahlen. Filmchen. Die Berliner Redakteurin des Films schickt
Minensucher ins Pizzarestaurant. Ich fühle mich wie in Angola. Anruf bei CvD.
Minensucher sei unmöglich. Okay. Wie soll auch die Redakteurin in Berlin einen
Minensucher vom Polizeiroboter unterscheiden können. Aus Altstadt wird
schnell die Neustadt. Weitere Schnitzer aus Filmchen schnell ausgemerzt. Die
Redakteurin ist glücklich. Ich als Journalist fühle mich bestätigt, die Welt
korrigiert zu haben.
Schnell die eigene Frau interviewen.
Was gesehen, was gehört. Stimmung in Stadtzentrum. Bitte kein blabla. Zur
Sache. Feature in die Tastatur gehackt. Email abgeschickt. Provinzzeitung:
"Sie haben doch versprochen..." Die können nicht mal richtig mit Email umgehen.
Kurzer fernmündlicher Computerkurs. Schon steht nächster TV-Bericht an. Empörte
Zuschauerin von n-tv, eine gewisse M. aus Berlin, schreit ins Telefon: "Möge
Gott Ihnen ihre antisemitische Zunge abschneiden". Kurzer Blick auf n-tvForum.
Die Palästinenser jubeln. Sahm wird als pro-israelisch beschimpft. Bildtelefon
steht wieder. Regie bittet dringend, die Zigarette auszudrücken. Neue Todeszahlen
und Friedenschancen. Die Hunde bellen.
Inzwischen Zeitungsartikel weggeschickt.
Radio verzichtet auf lange Analyse. Korrespondentengespräch auch gut. 7 Minuten
intelligentes Gerede. Katholischer Minisender aus Köln will Absprache. Morgen
Früh um sieben. Bitte schön. Macht schnell. Weckt mich vor den Nachrichten.
Das Außenministerium ruft an. Fünfmal vorher abgewimmelt. "Säm", als wäre
ich der amerikanische Uncle Sam, sagte die Frau. Ich korrigiere sie mit meinem
in Hebräisch unaussprechlichen Namen "Ulrich". Sie ist verwirrt und will nur
ein Abendessen mit irgendeinem Schwachkopf aus der Propagandaabteilung des
israelischen AA absagen, "wegen der aktuellen Lage" . Blick auf Emails. Palästinensische
Propaganda. Rechtfertigungen für Freiheitskampf, Scharon am Attentat selber
schuld. Alle Israelis seien doch ohnehin alle Soldaten, also gibt es keine
Zivilisten. Dann lauwarme Beileidsbekundungen "Wir waren doch immer schon
gegen jede Gewalt".
Anruf einer dänischen Kollegin.
Sie soll Portrait über Carmi Gillon schreiben, ex Schinbeth Chef, der sich
für Folter aussprach, aber zwischendurch ganz für Frieden war. Sie will Telefonnummer
von Uri Avnery. Telefon. Zuschauerin M. aus Berlin meldet sich schon wieder
mit Gebrüll: "Hören Sie endlich mit Ihrer Hetze gegen das jüdische Volk auf.
Wir haben alle Rechte". Telefon zugeknallt.
Langsam schaue ich mich nach
Schlips um. Wegen Hauptnachrichtenstrecke um 18 Uhr bei n-tv. Schnell aus
dem Handgelenk fürs Radio noch letzte Todeszahlen. Kurze Diskussion mit Moderator,
damit die Fragen nicht zu unpassend ausfallen. Eine Araberin ruft an: "Sorry,
wrong Number". Die kapiert weder Englisch noch Hebräisch, obgleich bei ihr
im Hintergrund israelisches Fernsehen läuft.
Aufbau der ISDN Leitung. Regie
will Ton hören, während die Hunde schon wieder pinkeln wollen. Die Katze nähert
sich ihrem Fresspott, strategisch auf meinem Schreibtisch postiert. Regie
fragt wieder nach dem Ergehen der Katze. Die Scheinwerfer heizen sich auf.
Der Schweiß trieft. Ein wenig Puder auf die Stirn. Ventilator ausschalten,
damit Mikro nicht dröhnt. 18:05 Schalte bei n-tv beendet...
So ging es weiter bis 4 Uhr morgens.
Gegen Mitternacht parkten mal wieder zur Abwechslung Kampfhubschrauber direkt
über meiner Wohnung. Radio meldet Vergeltungsschläge. Nach einer weiteren
Schachtel Zigaretten und der zweiten Flasche Wein dann schließlich 3 Stunden
Nachruhe, bis sich der CvD aus Berlin telefonisch erkundigt, was ich zu den
israelischen Vergeltungsschläge meinte, und dass das doch "unsere Zuschauer"
sehr interessiere. Neues blaues Hemd, Schlips, Scheinwerfer, Puder auf die
Nase, Kulisse runterlassen. Zähneputzen später, Kaffee erst am Mittag....
Sommer 2001
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