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Weihnachten mal ganz anders

Das Bedürfnis, in treudeutscher Tradition Heilig Abend zu feiern und Kindheitserinnerungen zu pflegen, verliert sich auch nicht nach einem langen und fast ständigen Aufenthalt in einem Land, wo es zwar eine winzige christliche Minderheit gibt, wo aber die Mehrheit das Weihnachtsfest etwa so wahrnimmt, wie die Deutschen Id el Fidr oder Jom Kippur beachten. 

 Ins düstere Bethlehem zu ziehen, sich erst an Straßensperren vorbeizuquälen und dann durch ausgebrannte Hotelruinen an den Konflikt erinnert zu werden, passt nicht recht zur deutschen Weihnachtstradition. Auch die Anwesenheit der zahlreichen Soldaten, Polizisten und bewaffneten Männer, mal waren es israelische, heute sind es palästinensische, verderben eher die Festtagsstimmung. Die Alternative wären Besuche in den Gottesdiensten der deutschen Kirchen in der Altstadt Jerusalems oder auf dem Zionsberg. „O Tannenbaum“ auf Arabisch oder Hebräisch klingt zwar genau so wie das deutsche Original, aber irgendwie fehlt auch da der heimelige Geruch von Spekulatius und Zimtgebäck. 

Bei den Keksen beginnt schon das Problem. Entweder verzichtet man auf Stollen und Heidesand, oder man bäckt es selber. Die Förmchen für Spekulatius sind zwar nirgendwo erhältlich, aber das Endprodukt schmeckt fast genau so nach Zimt, Kardamom und Nelken, wie das, was man in Deutschland in jedem Supermarkt erhält, ohne sich große Gedanken zu machen. Heimweh drückt sich übrigens im Ausland vor allem an den lächerlichen Kleinigkeiten aus, am Lebkuchen, der an Weihnachten fehlt.

Weihnachtsbäume werden vom Staat Israel kostenlos verteilt. Doch wie kann man Weihnachten richtig feiern, wenn die enge Familie nur aus drei Personen, zwei Hunden und einer Katze besteht, während alle anderen in Deutschland sind. Anders als in Deutschland, wo die Menschen unter sich bleiben, muss man in Israel eben „Fremde“ einladen, die besten Freunde. Doch was tun? Es sind entweder Moslems oder Juden. Einer ist in der Schweiz aufgewachsen, eine stammt aus Dänemark. Eine Familie war mal im diplomatischen Dienst. Der Moslem in der Runde hatte mal in Berlin studiert und sich als Weihnachtsmann ein Taschengeld verdient. Nicht einer von ihnen hatte jemals ein echtes familiäres Weihnachtsfest erlebt.   Xmas0002.JPG

„Ich kenne das nur aus Filmen“, meinte der Zahnarzt, der in der Schweiz aufgewachsen ist. Und die dänische Journalistin sagte: „Wir Juden hatten in Kopenhagen an Heilig Abend zwar Freunde zum Essen eingeladen. Wir haben auch gefeiert, aber absolut keine Ahnung gehabt, was die Christen  eigentlich in ihren Heimen taten.“ So sahen sie zum ersten mal einen geschmückten Weihnachtsbaum und ließen mit viel Lachen und gleichzeitiger Neugier die ganze Zeremonie über sich ergehen.

  Xmas0008.JPG Es beginnt natürlich mit einer Lesung aus Lukas. Nicht die ganze Weihnachtsgeschichte und nicht einmal in einer Sprache, die alle verstehen, also Englisch oder Hebräisch, sondern auf Jiddisch. Diese fast ausgestorbene, dem Deutschen sehr nahe Sprache mit hebräischen Einsprengseln klingt fast wie ein Witz. „Un es is gewän in jäne Teg, as a Bafäl is aroisgegangen fun Kaiser Oigustus, as die ganze Welt soll gezeijlt wärn...“ Um nicht in einen wenig ernst gemeinten „Missionsverdacht“ zu geraten, wird dann der Text aus einer mittelalterlichen jüdischen Streitschrift verlesen. Es gibt köstliche jüdische Parodien auf das Neue Testament. So etwa ein Pamphlet des Rabbi Radak. Bei allen Tieren sei es so, dass das Neugeborene da herauskomme, wo der Samen hineinging. Wenn also der Engel Gabriel der Maria ins Ohr geflüstert habe, dass sie Schwanger sei, müsse man davon ausgehen, dass das Jesuskind durch das Ohr Marias auf die Welt gekommen sei, „da wo der Heilige Geist mit den Worten des Engels in sie eingedrungen ist“. Entsprechend sei „erwiesen“, dass Maria Jungfrau blieb, so die Logik der Rabbis.

 Nun folgen weitere Zeremonien. Erst wird eine Hannukka-Kerze angezündet, entsprechend dem jüdischen Lichterfest. Eines der dazu gesungenen Lieder hat seine Melodie dem deutschen Weihnachtslied „Tochter Zion“ entlehnt. Und auch der Islam kommt zu Wort. Bassem, der Weihnachtsmann aus Berlin, verliest Verse aus dem Koran. Maria ist die einzige im Koran erwähnte Frau. Da geht es um die Frage, ob Maria Schande über ihre Familie gebracht habe, weil doch ihr Mann Joseph nicht der Vater des in Bethlehem geborenen Sohnes sei. Irgendwie entkam sie bei ihrer Rückkehr nach Nazareth der im Orient üblichen Strafe für eine Schändung der Familienehre.

Plötzlich klingelt es. Jankale, ein ultraorthodoxer Jude mit schwarzem Hut und Schläfenlöckchen steht vor der Tür. Er erinnerte sich an die unverbindlich ausgesprochene Einladung, die eher als Witz gemeint war. Nach Ablegen seines Kaftans und Hutes beobachtet er den „Götzendienst“ mit Weihnachtsbaum und Krippenfigur aus Plastik, „made in China“. Sowie ihm eine Klopapierrolle in die Hand gedrückt wird, lacht er und erzählt seine „Weihnachtsgeschichte“. Ultraorthodoxe Juden feiern am 24. Dezember „Nital“, ein Anti-Weihnachtsfest, wegen der herumschwirrenden „bösen Geister“. Und um daran erinnert zu werden, zerreißen sie Papierrollen, Vorrat für das ganze Jahr. Denn am Sabbat darf ein frommer Jude kein Papier zerreißen. Das fällt unter das strikte Arbeitsverbot am Ruhetag.

 Ein völlig neues Lebensgefühl, das auch jüdische und muslimische Gäste in kleine Kinder verwandelt, ist die Geschenke-Zeremonie. Jeder war aufgefordert, seinen Kindern oder Partnern eingepackte Geschenke mitzubringen. Eines der Kinder wird gerufen, unter dem Baum liegende Geschenke zu verteilen. Selbstverständlich müssen die Gaben vor allen Anwesenden ausgepackt und bewundert werden. Die kleinen Tricks des weihnachtlichen Zeremoniells schaffen eine in deutschen Heimen selbstverständliche Stimmung.

 Eine jungverheiratete Jüdin mit Mann und Kleinkind fordert: „Ich will jetzt jedes Jahr zu Weihnachten eingeladen werden. So etwas Tolles habe ich noch nicht erlebt.“ Angesichts des Weihnachtsbratens aus dem für Moslems verbotenen und für Juden unkoscheren Schweins, meint sie: „Ich hatte noch nie die Gelegenheit, das zu probieren. Es soll nicht schlecht schmecken.“ Der strafende Blick ihrer frommen Mutter stört sie nicht weiter. „Es ist doch Weihnachten... Da darf man auch mal sündigen“, lacht sie.

Ulrich W. Sahm

Abgebildet ist unsere kostbare Krippenfigur, die ich n Haifa entdeckt und erstanden habe.
Sie ist aus echtem Plastik "made in China"
 

Das Jesuskind in der Glaskugel, nicht als Astronaut, sondern wenn man es schüttelt, dann rieselt der Schnee, was dem unbekleideten Jesuskind gesundheitlich sicherlich nicht gut bekommt. Das Viech zu Füßen von Maria scheint ein Androginos aus Esel und Ochse zu sein und hat gewisse Ähnlichkeit mit unserem Hund Mefisto.

 

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