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Wie Schindlers Koffer nach Israel gelangte (Nov. 1999)

Und hier der Film der Übergabe

Yad Vaschem Direktor Avner Schalev sagte immer wieder nur "wow, wow". Auch für den Verwalter des größten Holocaustarchivs der Welt war es ein Erlebnis, einen ganzen Koffer voll echter Dokumente des wohl berühmtesten Judenretters während des Zweiten Weltkriegs überreicht zu bekommen.

Aus "Oskar Schindlers Koffer", über den in aller Welt und so auch in Israel mit großen Schlagzeilen berichtet worden ist, holte Schalev die noch berühmteren "Schindlers Listen" hervor.

"Das ist für mich ein bewegender Augenblick", sagte er. Die Jerusalemer Holocaustgedenkstätte hat "Schindlers Koffer" in Empfang genommen.

Der Korrespondent der Stuttgarter Zeitung und von n-tv in Israel hatte den Koffer und dessen fachgerecht verpackten Inhalt mitsamt mehreren Kopien von "Schindlers Liste" dem Direktor der Gedenkstätte, Avner Shalev und Mordechai Paldiel, dem Leiter der Abteilung für "Gerechte der Völker" überreicht.

Als Anerkennung für die Rettung von Juden während des Holocaust läßt Yad Vaschem nichtjüdische "Gerechten der Völker " einen ewiggrünen Baum in der Allee der Gerechten pflanzen. Oskar Schindler gilt in Yad Vaschem als einer der bedeutendsten Judenretter, nicht nur wegen der Verfilmung seiner Taten durch den amerikanischen Regisseur Steven Spielberg. Nur wenige "Gerechte" konnten mehr als nur einen einzigen Juden oder vielleicht mal eine Familie vor dem Tod in den Gaskammern retten. Schindler hingegen bewahrte dank seiner "Listen" rund 1200 Juden vor ihrer Ermordung.

Die Dokumente in Schindlers Koffer verursachten eine emotionsreiche Begeisterung unter den Mitarbeitern von Yad Vaschem. Schalev entdeckte als Erstes eine vervielfältigte Sammlung mit Aufsätzen israelischer Schüler. Auf Hebräisch hatten die Kinder 1966 von ihrer Begegnung mit Schindler erzählt. "Schindler war deutscher Nationalität und Angehöriger der Rasse Mensch", hatte da ein Mädchen formuliert. Schalev las den Satz laut vor. Die geheftete Sammlung war in Yad Vaschem hergestellt worden. "So kommt zu uns zurück, was von hier stammt", meinte Schalev gerührt.

Die nächste Mappe aus säurefreiem Karton, in den das Bundesarchiv in Koblenz die Dokumente gepackt hatte, löste zunächst Fragen aus. Wieso war Schindler im Besitz von "blanko" Ehrenurkunden der Hebräischen Universität von Jerusalem, alle fertig unterschreiben, aber ohne Namen von Geehrten. Da erinnerte sich einer der Anwesenden, dass Schindler die Universität in Deutschland zu vertrat. Die Namen der Geehrten sollte er wohl selber eintragen. Offenbar war Schindler auch beauftragt, Spenden für die Universität einzutreiben.

Ein handgemachtes Büchlein enthielt Photos von Labors der Universität und draufgeklebt ein Preis in Dollar. Über einem Bild stand "verkauft". An Stühlen und Wänden der Universität hängen tatsächlich Messingschildchen mit den Namen ihrer Stifter.

Die berühmten "Listen" verursachten das größte Interesse.  Zwei Archivare kamen und schauten sich die zum Teil bestens erhaltenen, und zum Teil vergilbten und zerknitterten Namenslisten an. Rostspuren erinnerten an die Heftzwecken, die sie mal zusammengehalten haben. Einige Exemplare waren kaum noch lesbar. Es waren die Durchschläge mit Kohlepapier. Avner Schalev wollte sofort erfahren, wie viele Namen in den Listen enthalten seien und ob die Durchschläge mit den Originalen identisch seien.

Die Antworten zu diesen Fragen wird er von der Forschungsabteilung von Yad Vaschem erhalten, sowie die Dokumente wissenschaftlich aufgearbeitet und von den Experten der Gedenkstätte einzeln geprüft worden sind. "Yad Vaschem hat mehrere Aufgaben. Wir sammeln Informationen über den Holocaust und auch über die Rettung von Juden. Wir sind eine Gedenkstätte und ein Archiv, wo die gesammelten Dokumente für Forscher bereitliegen."

Die Abteilung für "Gerechte der Völker" habe vor allem Zeugenberichte der Geretteten gesammelt, um zu entscheiden, ob einem "Retter" die höchste Auszeichnung der Gedenkstätte zustehe. Schindlers Koffer sei für Yad Vaschem ein sehr ungewöhnliches Dokument der Zeitgeschichte. So sei der Einblick in das Leben eines Retters auch nach dem Holocaust möglich. Schalev äußerte die Hoffnung, dass auch Andere, Retter wie Gerettete, Dokumente in ihrem Besitz zur "ewigen Aufbewahrung" in Yad Vaschem abliefern mögen.

Gelächter erzeugte eine Mappe mit Dokumenten zum Eröffnungsflug der Lufthansa. 1968 wurde der Linienverkehr zwischen Frankfurt und Tel Aviv eingeweiht. Botschafter Ascher Ben Natan hatte den Teilnehmern des Fluges eine Einladung geschickt. Einer der geladenen Honorationen, der damalige Botschafter Dr. Ulrich Sahm (und Vater des n-tv Korrespondenten), erzählt, dass Oskar Schindler während des Fluges nach Israel "ziemlich laut und offenbar angeheitert" gewesen sei. Der "Beweis" dafür lag in der Mappe. Oskar Schindler war offenbar mit dem Zug zum Flughafen gefahren und hatte im DSG Speisewagen vier Schnaps und vier Biere bestellt. Vielleicht ist er dort auch einem Überlebenden von Treblinka begegnet. Auf der Rückseite der historischen Rechnung war der Name eines polnischen Juden und "Treblinka" handschriftlich notiert.

 

 

 

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