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Hinter den Kulissen von Arafats Mukata
Ramallah, 8. Juni 2004

Um Arafat ist es still geworden. Gleichwohl geben sich ausländische Provinzpolitiker die Klinke in die Hand, um sich mit dem "Rais", Präsident Arafat, ablichten zu lassen. Gepanzerte Jeeps der diplomatischen Vertretungen fahren mit einem hessischen Landtagsabgeordneten oder einem österreichischen Klubobmann vor. Am Kotflügel flattert die Staatsflagge. Arafat ist immer noch ein Markenzeichen für deren lokalen Wahlkampf.

Die Mauer um die Mukata steht wieder, nachdem israelische Panzer sie im März 2002 umgeworfen hatten. Auf dem riesigen Vorplatz stehen seit Kurzem blau bemalte betongefüllte Ölfässer. In ihnen steckt ein fünf Meter hoher Stahlstab. Daran sollen sich israelische Hubschrauber aufspießen, falls sie landen wollen, um Arafat abzuholen.

Rund um die noch stehenden Gebäude wurden die Trümmer ehemaliger Amtsgebäude zu einer Hügellandschaft gestaltet. Ein gesprengtes Verwaltungsgebäude liegt als Schichtkuchen aus Beton quer vor Arafats Amtssitz. Am anderen Ende türmt sich Arafats plattgewalzter Fuhrpark. Neue Autowracks sind jüngst draufgelegt worden.

In einem frisch renovierten Gebäude befindet sich der große Empfangssaal. Er dient als Moschee oder Parlamentssaal. Arafat kann die Mukata nicht verlassen, da Israel ihm die Rückkehr nicht garantiert. Deshalb müssen alle zu ihm pilgern, sogar das Parlament. Im anderen Gebäude wohnt Arafats Leibwache. Auf dem Dach stehen Wassertanks und Satellitenschüsseln. Über eine neu errichtete Brücke geht es zu Arafats Flügel.

 

Der blieb seit den israelischen Zerstörungen unberührt. Der vordere Teil besteht aus hängenden Betonteilen und mannsgroßen Einschusslöchern. Alle Fenster sind mit Stahltüren hermetisch verschlossen. Vor dem Haupteingang verhüllen graue Tücher zerbröselnde Sandsäcke und betongefüllte Fässer. Ähnlich verschanzt sind von innen auch alle Fenster im Treppenhaus.

Journalisten warten in einem schmuddeligen Raum. Die Durchleuchtungsmaschine hat ihren Geist aufgegeben und steht zugedeckt in einer Ecke. Die grauen Wände sind seit Jahren nicht mehr getüncht worden. Zigarettenstummel werden auf dem schmutzigen Fußboden ausgetreten. In einem Nebenzimmer stehen ein Hospitalbett und medizinische Geräte. Vor dem Gang zum "Hamam", der Toilette, muss die Kamera abgeliefert werden. "Nicht gut" sagt ein uniformierter Wachmann mit Kalaschnikow auf dem Schoß. Ob er den unbeschreiblichen Gestank oder den Dreck des seit Ewigkeiten von keinem Putzmittel berührten WC meint? Ein anderer Wachmann beantwortet keine unangenehme Frage: "Ich nur sprechen Arabisch." In leidlichem Englisch träumt er dennoch von einem 5 zu Null Sieg der Palästinenser gegen Usbekistan. Das Fußballspiel endete freilich mit einer 3 zu Null Niederlage. Starke Männer schleppen stapelweise Plastikflaschen Mineralwasser (Marke: Nestlé) aus der Mukata: "Wasser nicht gut. Datum abgelaufen."

Arafat empfängt alle ausländischen Gäste in diesem schmuddeligen, verdreckten und mit Sandsäcken verschanzten Flügel seiner Mukata. Seine palästinensischen Untertanen hingegen begrüßt er im sauberen, frischgestrichenen Empfangssaal mit Mahagoni-Türen im Nachbargebäude. Beim PR-Künstler Arafat bleibt nichts zum Zufall überlassen. Den Ausländern präsentiert er sich als Opfer israelischer Zerstörungswut, den Palästinensern als würdiger Herrscher. Kein Zufall auch die "Orden" an seiner Fantasie-Uniform: Ein Pfadfinderabzeichen, olympische Ringe mit koreanischem Emblem, je eine griechische, spanische, deutsche und türkische Ansteckflagge kombiniert mit der palästinensischen Flagge. Sein zur Landkarte Großpalästinas gestaltetes Kopftuch, dem Keffiye, ist mit einer simplen Heftklammer an seiner Brusttasche befestigt.

Nach dem offiziellen Gespräch wünschen die Provinzpolitiker das obligatorische Foto mit dem Präsidenten. Geschenke werden ausgetauscht, Sachertorte gegen Abendmahlszene aus Perlmutt. Knipps. Arafat lacht, schüttelt alle Hände. Knipps. Arafat stellt sich vor einen handgestickten Wandteppich mit Felsendom-Motiv. Die Delegation gruppiert sich um ihn. Knipps. Der Provinzpolitiker schüttelt zum sechsten Mal die Hand des Rais. Knipps. Arafat lächelt glücklich und schaut in die Kamera. Knipps.

Der Konferenztisch ist auch Arafats Arbeitsplatz. Eine TV-Fernbedienung dient neben dem Modell eines Airbus der Lufthansa als Papierbeschwerer für den Stapel Fotokopien im DIN A 4 Format. Auf einem schwarzen ledernen Lesepult liegt Arafats altmodische Hornbrille. Und davor Mitbringsel, die sein Kinderherz erfreuten: die künstlerische Darstellung der Mauern Jerusalems in Silber, hergestellt von einem bekannten israelischen Künstler, mit arabischer Widmung. Eine durchsichtige Zelofantüte mit Schokoladen-Weihnachtsmann und Ostereiern. Eine Kerosin-Windlampe, ein Kerzenhalter mit Kreuz. Dahinter ein arabischer Koran im Holzgestell. Eine geschnitzte Taube in der Pose des preußischen Adlers. Neben Pillenfläschchen ein Teller mit geschälten Früchten unter Haftfolie, ein umgestülptes Glas und ein versiegeltes Fläschchen Nestlé-Mineralwasser mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Vor weiteren nicht identifizierbaren Kinkerlitzchen steht die obligatorische Kiste Papiertaschentücher, wie sie in keinem arabischen Wohnzimmer fehlen darf.

 

 

 

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